Die groß Getrennten
Die "AI-Skeptiker" und die Gegenwart
das hier ist gregor schmalzrieds newsletter über künstliche intelligenz.
ich bin freiberuflicher berater, speaker und host von der ki-podcast (ARD)
Die groß Getrennten
1 SEEDANCE UND HOLLYWOOD
Ich liebe Geschichten, die aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt werden. Zwei – oder mehr – Figuren, die scheinbar völlig unabhängige Abenteuer leben, nur um im entscheidenden Moment aufeinander zu treffen. Manchmal geht das schneller (wie in Brandon Sandersons Mistborn), manchmal warten wir das gesamte Buch auf die Katharsis der Begegnung (wie in Haruki Murakamis 1Q84).
Seit einigen Monaten verfolgen wir in der realen Welt zwei solche Storys. Beide Storys geschehen live vor unseren Augen, und werden auch gerne in der Presse erzählt – nur eben komplett separat voneinander, fast zwanghaft. Und alles, worauf ich warte, ist ihr Aufeinandertreffen.
Die erste Story ist die globale Krise der Film- und TV-Branche.
Es gehen immer weniger Menschen ins Kino, Streaming-Dienste sind für die meisten Anbieter immer noch ein Verlustgeschäft und eine ganze Generation wächst mit Kurzform-Video-Hirnfritteusen wie TikTok auf. Sogar Marvel-Filme, lange Jahre die eine stabile Konstante des Hollywood-Geschäfts, sind mittlerweile während ihrer Zeit im Kino oft nicht mehr profitabel.
Die Krise wird dadurch verschärft, dass die Film- und Fernsehproduktion immer teurer wird. Das ist auch in Deutschland ein Thema (92% der Produzenten nennen steigende Herstellungskosten als Herausforderung), aber nirgendwo ist es so absurd wie in Hollywood. Der neue Superman-Film Man of Tomorrow wird 330 Millionen Dollar kosten. Das Budget von Avatar 3 lag bei über 400 Millionen. Avatar-Regisseur James Cameron sprach in Interviews zuletzt sehr offen über diesen Zustand: “We have to do well and we need to figure out how to make Avatar movies more inexpensively in order to continue.”
Auch TV-Produktionen – traditionell ein deutlich günstigeres Business – geraten außer Kontrolle: Die finale Staffel Stranger Things kostete rund eine halbe Milliarde Dollar. Falls du dich schon einmal gewundert hast, warum wir heute oft über zwei Jahre zwischen Serienstaffeln warten müssen, während es früher völlig normal war, eine Staffel pro Jahr zu produzieren (oft mit deutlich mehr Folgen)… Hier liegt der Grund. Eine moderne Hochglanz-Produktion wie Severance oder House of the Dragon dauert ewig, kostet ein Vermögen und ist in vielen Fällen trotzdem ein Verlustgeschäft. Kein Wunder, dass ganz Hollywood zum Verkauf steht.
Aber das alles ist nur die erste Story.
Die zweite Story sind die gigantischen Fortschritte von AI-Videomodellen.
Es gibt jede Menge berechtigte Vorbehalte gegen diese Technologie (allen voran die dreiste Missachtung des Urheberrechts).
Und man kann auf Social Media ziemlich leicht Likes abgrasen, indem man diese Clips auf Fehler durchsucht:
Aber man darf nicht zwei Dinge miteinander verwechseln:
Finde ich diese Technologie moralisch schlecht? Oder ist die Technologie technisch schlecht?
Viele dieser Clips sehen heute schon aus wie Effekte in großen Hollywood-Filmen. Und das, obwohl hinter ihnen keine Studios mit großer Erfahrung stehen – sondern Einzelpersonen, oft ohne technischen Hintergrund. Ein erfahrenes Team mit einem entsprechenden Budget könnte schon sehr bald die Effekte für einen Film zusammenbauen, die nicht von den klassischen Effekten eines Marvel-Films zu unterscheiden wären.
Moral allein wird das nicht verhindern.
Die Krise in Hollywood und die Fortschritte bei AI sind zwei Hände, die ein Gummiband in zwei unterschiedliche Richtungen ziehen.
Man kann diese Technologie ablehnen, so viel man möchte. Aber irgendwann wird die Spannung zu groß. Irgendwann wird es knallen.
2 GARY UND OPUS
Es geht in dieser Geschichte natürlich nicht nur um Hollywood. Sondern um die ganze Welt.
Es gibt – gerade unter Menschen, die “very online” sind – viele Widerstände gegen Generative AI.
Das ist verständlich, da
1. das bei jeder neuen Technologie schon so war, die die Menschheit je erfunden hat
und
2. es durchaus berechtigte Sorgen rund um die Macht von Big Tech, den Verlust von Handlungsfähigkeit durch den Einzelnen und mögliche Jobverdrängungen gibt.
Aber die “Gegner” der modernen AI betrügen sich dabei immer wieder selbst, indem sie real existierende Technologie leugnen oder herunterspielen.
Case in point: Diese Episode vor zwei Wochen.
Dieser Fehler von ChatGPT ist ziemlich lustig und hat über die letzten zwei Wochen im gesamten Internet hunderttausende Likes eingesammelt.
Man bräuchte schon eine völlig neue Technologie, um AI ernst nehmen zu können, so der Tenor.
Nun… diese Technologie gibt es längst, und zwar seit Herbst 2024. Sie nennt sich “Reasoning-Modell” und keines davon macht diesen Fehler:
Für komplexe Aufgaben, Datenanalyse, agentisches Arbeiten oder (wie hier) Suggestivfragen sind Reasoning-Modelle schon seit eineinhalb Jahren völlig alltäglich – aber es gibt einen großen Teil der Bevölkerung, der sie nie ausprobiert hat.
Reasoning-Modelle sind, wenn man ihnen den richtigen Kontext gibt, der größte Hebel für die menschliche Produktivität, den ich je erlebt habe. Sie ermöglichen Agents. Sie schaffen die Analyse sehr komplizierter Sachverhalte und Texte. Sie verstehen ganze Bücher in Sekunden. Und auch wenn sie nicht fehlerfrei arbeiten (können), sind sie für mich robust genug, um ihnen unter der richtigen Anleitung zu vertrauen.
Trotzdem hören wir immer noch jeden Tag, dass Generative AI eigentlich Quatsch sei. Erst diesen Monat veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung ein längeres Interview mit dem Psychologen und AI-Skeptiker Gary Marcus. Schon das Opening (noch nicht Teil des Interviews selbst) stellt Sprachmodelle als quasi-bereits-gescheiterte Technologie dar:
Schon vor mehr als einem Jahrzehnt hat er zum ersten Mal dargelegt, dass die Large Language Models (LLM), die heute jeder geläufigen KI zugrunde liegen, niemals völlig zuverlässig sein werden. […] Für seine Kritik musste sich Marcus viel Spott gefallen lassen, doch das ändert sich gerade spürbar, auch bekannte Köpfe der Branche äußern sich inzwischen deutlich skeptischer über die Potenziale der Technologie. Im Gespräch merkt man Marcus die Genugtuung trotzdem nur ein bisschen an.
Wer dieses Interview und seine Einleitung unkritisch liest, könnte leicht zu dem Schluss kommen, dass im Silicon Valley gerade ein Umdenken stattfindet und wir uns mittlerweile in einer AI-Dürre befinden.
In Wahrheit läuft das Silicon Valley so heiß wie noch nie seit Beginn des AI-Booms. Die neuesten Sprachmodelle – Opus 4.6, Gemini 3 Deep Think, GPT-5.2 Pro – sind noch einmal deutlich besser als ihre Vorgänger. Sogar Benchmark-Tests, die für einige Jahre in der Zukunft ausgelegt waren, wurden mittlerweile geknackt.
Gary Marcus prognostiziert schon seit mindestens 2022, dass die AI-Modelle schon bald nicht mehr besser werden, sondern ein hartes Limit erreichen: “Deep Learning is hitting a wall”. Nun ja, vielleicht wird das irgendwann einmal stimmen, aber heute, vier Jahre später, werden die Modelle nicht nur immer noch besser, sie werden auch noch immer schneller immer besser. Sein alter Aphorismus wird mittlerweile satirisch zitiert – die neuesten Modelle performen in sämtlichen Benchmarks so gut, dass aus einem allmählichen Anstieg mittlerweile eine fast senkrechte Kerze geworden ist:
Natürlich muss man trotz all dem skeptisch bleiben.
Auch die besten Modelle werden nicht alle Probleme der Menschheit auf einmal lösen (siehe “Perfekte Information”). Das Geschäftsmodell von OpenAI & Co steht auf wackligen Beinen. Und wahrscheinlich brauchen wir wirklich noch einige Durchbrüche, um zu einer Universellen KI (AGI) zu kommen. Aber die Technologie ist jetzt schon enorm wertvoll. Ihre Fortschritte sind real – und werden immer schneller. Sie haben jetzt schon zahlreiche Kritiker-Prognosen (u.a. natürlich von Marcus selbst) übertroffen.
Gerade in Europa verfangen sich Marcus’ Kritiken aber nur zu gerne. Im Rennen um die besten Sprachmodelle liegen wir abgeschlagen weit hinten, also wäre es doch klasse, wenn dieses Rennen sich als Blödsinn herausstellt und alle anderen nur einem Phantom hinterhergejagt sind.
Nur ist es leider überlebenswichtig, die Realität wahrzunehmen, wie sie ist. Und nicht, wie wir sie gerne hätten.
3 DIE GROSS GETRENNTEN
Vor knapp einem Jahr habe ich in diesem Newsletter ein Phänomen benannt, das mich damals sehr beschäftigte: Es entsteht eine Kluft zwischen denen, die Zeit in AI-Kenntnisse und -Nutzung investieren, und denen, die das nicht tun. AI sollte einmal uns alle auf ein Level holen. Stattdessen treibt sie uns immer weiter auseinander. Der “große Trenner”.
Seit ich den Text geschrieben habe, hat sich dieses Problem stark verschärft. Es ist nicht einmal so, dass AI-Nicht-Nutzer in der Entwicklung zurückhängen. Es ist so, dass sie oft gar nicht mehr verstehen, worüber die AI-Nutzer überhaupt sprechen.
Die größte Herausforderung bei meinen Vorträgen und Workshops ist es mittlerweile nicht mehr, inhaltlich am Ball zu bleiben. Sondern ein Publikum zu bedienen, das kaum noch eine gemeinsame Wissensbasis hat. Immer wieder besteht es einerseits aus Leuten, die noch nie ChatGPT benutzt haben. Und andererseits aus Leuten, die dasitzen und gleichzeitig auf ihrem Rechner im Büro einen Ausschreibungs-Analyse-Agenten laufen haben, der ihnen regelmäßig Benachrichtigungen aufs Telefon schickt.
Und auch hier gilt: Je stärker die Spannung, die das Gummiband in zwei Richtungen zieht, desto schmerzhafter der Schlag, wenn die Realität einsetzt.
Für die meisten von uns ist AI weniger ein technisches Thema. Sondern ein wirtschaftliches, ein organisatorisches, ein psychologisches. Um das meiste aus ihr herauszuholen, brauchen wir alle an Bord.
Aber alle an Bord bekommen wir nur, wenn wir uns einig sind, dass das Schiff existiert.
Außerdem
Portfolio
Der KI-Podcast auf Spotify! open.spotify.com
Der KI-Podcast in der ARD Audiothek! ardaudiothek.de
AI und Text / Sprachmodelle
Microsoft Copilot ist gar nicht sooo schlimm. texthacks.substack.com
Can AI Chatbots Write Emotionally Rich Romance Books? nytimes.com
A Reflection on SEO, GEO & AI Search in 2025. lilyraynyc.substack.com
Grok Is Gaining on ChatGPT and Gemini. How It Got There Isn’t Pretty. linkedin.com
AI und Arbeit / Agents
The hottest job in tech: Writing words. businessinsider.com
The rise of the Legal Quant. What happens when law meets systems thinking. tsojamie.substack.com
Journalism schools are teaching fear of the future: Letter from the Editor. (hochinteressantes Phänomen, passt zum heutigen Thema, das ich in Deutschland zum Glück bislang nicht so wahrgenommen habe). cleveland.com
AI und alles andere
Who Captures the Value When AI Inference Becomes Cheap? lesbarclays.substack.com
The left is missing out on AI. As a movement, it has largely refused to engage seriously with AI, ceding debate about a threat and opportunity to the right. transformernews.ai
Content & Culture
Why young Danes are still having sex. spectator.com
Trapped in the hell of social comparison. noahpinion.blog
Xikipedia. Wikipedia zum Scrollen. Macht Spaß! xikipedia.org
Nearly a third of kids can’t use books when starting school - and try to swipe them like phones. news.sky.com
Tech
There’s a ridiculous amount of tech in a disposable vape. blog.jgc.org
Europe’s Trump Cards. Why the continent has more leverage than it thinks. empn.eu
Work
The Dilbert Afterlife. astralcodexten.com
another German investment, another 6 hours of a notary reading every single word of all the documents out loud. x.com
Side Quests
The Komets & Fritz Fisherman - Dead End Street. youtu.be
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