Wie man ein KI-Haus baut
Connections, Skills, Gesundes Wohnen
das hier ist gregor schmalzrieds newsletter über künstliche intelligenz.
ich bin freiberuflicher berater, speaker und host von der ki-podcast (ARD)
Wie man ein KI-Haus baut
1 DAS WINCHESTER-HAUS
1886 zog Sarah Winchester, die Witwe eines reichen Waffenunternehmers, in ein bescheidenes Farmhaus – und begann sofort damit, es umzubauen.
Zunächst stellte sie zwei Architekten ein, doch diese wurden von ihr schnell wieder entlassen und Sarah übernahm die Planungen selbst. Sie skizzierte Entwürfe auf Servietten und ließ Zimmerleute neue Anbauten, Türme und Räume errichten. In den ersten sechs Monaten wuchs das Haus von acht auf 26 Zimmer an. Es entwickelte sich in alle Richtungen: nach oben, zur Seite, in die Tiefe.
Sarah folgte keinem Masterplan. Oft wurden Fenster gebaut, nur um kurz darauf wieder zugemauert zu werden. Treppen, die einst zu einem Obergeschoss führten, endeten plötzlich an der Decke. Türen öffneten sich in Wände. Manche Schränke waren nur einige Zentimeter tief, andere hatten die Größe einer ganzen Wohnung. Und vor allem… das Haus stand nie still. Immer änderte sich etwas. Nie war Sarah zufrieden. On. And on.
Die Bauarbeiten endeten erst im Jahr 1922, mit dem Tod von Sarah Winchester. Das “Winchester Mystery House” hält den Weltrekord für den längsten ununterbrochenen Hausbau – 38 Jahre.
Ein beliebtes Gerücht über Sarah Winchester ist, dass sie sich von Geistern der Opfer von Winchester-Gewehren verfolgt fühlte. Geister, die sie dazu zwangen, immer weiter zu bauen, so lange sie lebte. Das klingt erst einmal ganz interessant (auch wenn der auf dieser Story basierende Horrorfilm sehr langweilig ist), tut aber Sarah Winchester wohl unrecht. Sarah hatte vielleicht einfach ein sehr ausgeprägtes, verspieltes Interesse an Architektur, und konnte es sich leisten, das auszuleben.
Dazu passt, dass sich im Winchester-Haus einige echte Perlen verstecken: Sarah ließ eine knopfgesteuerte Gasbeleuchtung bauen – damals eine echte technologische Innovation. Das Haus hatte ein smartes Abwassersystem, das Wasser zu den Außenpflanzen leitete. Es gab eine Art frühes Intercom, um das Personal zu rufen. Und so weiter.
Es ist ganz gut, dass sich über das Winchester-Haus auch eine positive Geschichte erzählen lässt.
Denn aktuell habe ich immer öfter das Gefühl, in meiner eigenen Version dieses Hauses zu stecken.
2 DAS KI-HAUS
Anders als Sarah Winchester baue ich kein Haus (bei den Immobilienpreisen?), sondern ein AI-Arbeitssystem: Ein System, das Wissen, Daten und Prozesse meiner Arbeit verbindet und via AI zugänglich macht.
Und wie baue ich das? Indem ich non-stop Ideen für neue Anbauten (Workflows) auf Servietten (App-Notizen) kritzle, diese überstürzt einbauen (prompten) lasse, nur um sie kurz darauf wieder abzureißen und woanders aufzubauen (cut & paste).
Als Claude-Nutzer ist es besonders schlimm. In der Zeit, die ich eigentlich bräuchte, um jede neue Funktion zu verstehen und umzusetzen, werden gleich drei neue veröffentlicht: Plugins! Dispatch! Managed Agents! Und ich baue und baue. On. And on.

Meiner Erfahrung nach wirkt eine solche Arbeitsweise samt Grafik auf viele erstmal abschreckend. Als würde die Technologie einem über den Kopf wachsen wie ein unendliches Spukhaus. So verstärken sich bereits existierende Sorgen: Ich habe mich sehr gefreut, dass das Süddeutsche Zeitung Magazin vor zwei Wochen ein Interview mit mir geführt hat und das ausgerechnet zum Thema “AI FOMO” – das Gefühl, abgehängt zu sein, nicht mehr mitzukommen.
Deswegen hier mein Hinweis: Es ist alles halb so wild. Im Gegenteil, es ist sogar ziemlich cool, so zu arbeiten und sich mit fortgeschritteneren AI-Systemen zu beschäftigen.
Und das aus zwei Gründen.
Der erste Grund: Es macht wirklich Spaß. Sarah Winchester hatte wohl Freude daran, ihr Haus zu bauen, und ich habe Freude an meinem. Wenn man einmal in den Groove kommt, die ersten Fenster eingesetzt sind, hat man sofort Ideen für die nächsten Schritte. Man will gar nicht aufhören, zu bauen. Alles noch besser zu machen.
Der zweite Grund: Man muss nicht alles auf einmal verstehen.
Ich kann keinen allgemeingültigen Bauplan für ein AI-Haus liefern. Ich glaube, niemand kann das. Jede Person, jedes Projekt, jedes Unternehmen ist anders und benötigt andere Anbauten und Ideen. Die Kritzeleien auf meinen Servietten bringen nur mir etwas, und sonst niemandem.
Aber trotzdem gibt es gewisse gemeinsame Nenner. Jedes Haus, das nicht einstürzt, wird aus den gleichen Materialien und auf den gleichen Prinzipien gebaut.
Die Materialien und Prinzipien, die in der Regel funktionieren, wenn man sein eigenes AI-System bauen will, haben bis vor Kurzem noch nicht existiert – oder zumindest nicht sehr gut funktioniert.
Deswegen ändert sich auch gerade alles.
Also… Wie baut man ein AI-Haus?
CONNECTIONS
Wenn es auf deinem Computer stattfindet, dann kann man es miteinander verbinden. So einfach ist das.
Bis vor Kurzem stand hier die Qualität der großen Modelle im Weg. Theoretisch hätte man schon GPT-4o an ein Skript schalten können, um einen Desktopcomputer zu bedienen – es hätte sich nur ständig verklickt und versehentlich die Festplatte gelöscht.
Seit einigen Monaten sind die Modelle aber stark genug, damit sie auch außerhalb des Chatfensters gute Ergebnisse erzielen können.
Ich habe meinen Chatbot u.a. an meine Notion-Datenbanken, meinen Kalender und einige Ordner auf meinem Macbook angeschlossen. Und jetzt kann er in diesen hantieren. Das funktioniert ziemlich gut.
Hier ist ein realer Chat, den ich vor einigen Monaten genau so hatte.
Streng genommen befinden wir uns hier immer noch im Chatfenster, aber dank seiner Verbindung in meinen Kalender kann Claude überprüfen, um welchen Flug es geht, und diese Informationen weiter in einer Websuche verarbeiten.
Das ist noch eine relativ einfache Variante. Die Verkettungen können natürlich um einiges komplexer werden.
Nur weil man Connections baut, muss man übrigens nicht gleich alles automatisieren. Ein wirkliches “agentisches” System, das auch quasi-selbständig agieren kann, habe ich persönlich nicht gebaut. Für einige enge Use Cases mag eine Komplett-Automatisierung manchmal sinnvoll sein. Aber beim eigenen Arbeitssystem ist Vorsicht auch nicht verkehrt. Das eigene AI-Haus ist vermutlich nicht allzu logisch aufgebaut: Jede Treppe ins Nichts ist eine Treppe, die der Agent herunterstürzen kann.
Natürlich kann man heute schon einiges komplett-automatisieren, wenn man wirklich will. Aber der Aufwand ist oft erheblich, und der Ertrag nicht immer klar.
SKILLS
“Skills” sind längere Prompts und Gebrauchsanleitungen, die man dauerhaft im System hinterlegen kann. Und ich weiß nicht, wie ich je ohne gearbeitet habe. Skills sind wahrscheinlich die beste Erfindung für das Chatbot-Interface seit ChatGPT, sie machen das Arbeiten immens leichter.
Ich war persönlich nie ein Fan des “Rollen”-Chatbots (“hier ist Bubu, mein Buchhalter-Bot”), habe aber immer ein bisschen die Notwendigkeit dahinter verstanden. Jetzt, wo es Skills gibt, ist diese Zeit zum Glück vorbei.

Es ist irgendwie absurd, dass es die Skills-Funktion erst seit ein paar Monaten gibt (und in ChatGPT immer noch nicht). Denn man hätte sie theoretisch schon 2023 einbauen können. Es gab keinerlei technische Hürden.
Ich muss an eine andere Erfindung denken: Seit etwa 5000 Jahren gibt es das Rad. Und seit dem 19. Jahrhundert gibt es den Reisekoffer. Theoretisch hätte man seitdem problemlos beides zu einer Konstruktion verbinden können, trotzdem dauerte es bis 1987 (!), bis Pilot Robert Plath sich erbarmte und uns seine Erfindung des Rollkoffers schenkte.
Skills sind der Rollkoffer des AI-Zeitalters.
GESUNDES WOHNEN
Eine wichtige Fähigkeit – an der ich selbst noch arbeiten muss – ist, zu wissen, wann man im Haus bleibt, und wann man es verlässt:
Muss ich wirklich jeden Text automatisiert schreiben? Oder will ich nicht auch manchmal einen bewusst händisch schreiben?
Ich habe vieles von meiner eigenen Arbeit in Elisabeth L’Oranges sehr guter Podcastfolge zu “KI als Betriebssystem” mit Felix Schlenther wiedererkannt. Meine einzige Schwierigkeit damit ist der Titel. Für Felix (der mehr mit Automatisierungen arbeitet als ich) ist KI ein “Betriebssystem”.
Aber ein Betriebssystem ist ein Basislayer. Ohne das Betriebssystem kann ich meine Maschine nicht starten – es läuft überhaupt nichts.
Für mich ist es sehr wichtig, auch einen Bereich außerhalb dieses Betriebssystems zu haben, der ebenfalls funktioniert. Ich möchte mein KI-Haus auch verlassen können. Denn egal wie wohl ich mich zuhause fühle, wenn Lockdown ist, fällt auch mir die Decke auf den Kopf.
Es geht um Balance. Das Haus verlassen, wenn es sinnvoll ist. Aber nicht vergessen, dass es weiter meine Aufmerksamkeit benötigt.
Ein KI-Haus braucht Pflege. Man muss es permanent mitdenken, weiterentwickeln, betreuen. Manchmal Dinge wieder ausmisten. Manchmal Dinge von draußen nach drinnen bringen.
Und vor allem muss man akzeptieren, dass es nie fertig wird.
Seit drei Jahren träume ich von dem Tag, an dem ich aufwache, ein perfektes AI-System vor mir habe und es läuft einfach alles genau so durch, wie ich es mir wünsche. Dieser Tag wird nie kommen.
Das KI-Haus, in dem ein immer größerer Teil meiner Arbeit wohnt, ist eine wunderbare Sache. Es spart mir Zeit und Energie, es ermöglicht neue Chancen, es macht Freude und es inspiriert.
Aber wie Sarah Winchester zahle ich dafür eine ungewöhnliche Miete. Die Arbeit geht mir nie aus.
Ich bin in nächster Zeit als Speaker bei u.a. folgenden Events:
21.–22.4. Medientage Special AI & Media, München. medientage.de
28.4. German Creative Economy Summit, Hamburg. german-creative-economy-summit.de
3.5. Digitale Woche Kiel. digitalewochekiel.de
5.5. Panel zu KI und Kreativität auf der Munich Creative Business Week, München. mcbw.de
6.5. “KI im Mittelstand” bei den WirtschaftsSenioren Heilbronn, Genossenschaftskellerei Heilbronn.
19.5. re:publica 26, Berlin. re-publica.com
22.5. Big Techday 26, München. bigtechday.com
2.–3.6. Accelerate Tomorrow AI Summit, Berlin. acceleratetomorrow.com
Freu mich über Hallosagen vor Ort!
Portfolio
Der KI-Podcast auf Spotify! Eine besondere Empfehlung: Die aktuelle Folge “Was ist das wahre KI-Geschäftsmodell?” von Marie und mir. open.spotify.com
Der KI-Podcast auf ARD Sounds! ardaudiothek.de
Ich war zu Gast im “On the Way to New Work” Podcast. newwork.podigee.io
Ich war zu Gast im “Sach Mal” Podcast von Tobias Milbrandt. youtube.com
AI und Text / Sprachmodelle
Shameless Guesses, Not Hallucinations. astralcodexten.com
Next-Token Predictor Is An AI’s Job, Not Its Species. astralcodexten.com
People Who Use AI To Write Emails. youtube.com
“Claude, you are a cutie-pie!” von Margaret Atwood (ja, der Margaret Atwood). margaretatwood.substack.com
What comes next with open models. interconnects.ai
Bits In, Bits Out. Erik Hoels pessimistische plausible Bestandsaufnahme des AI-Impacts bis jetzt, auch wenn ich nicht allem zustimme. theintrinsicperspective.com
The “Stochastic Parrot” Argument is Both Wrong and Actively Harmful. verysane.ai
AI und Arbeit / Agents
Reality Check: Warum wir OpenClaw ernst nehmen sollten – und was das mit „digitalen Mitarbeitenden” zu tun hat. medien-bayern.de
‘A feedback loop with no brake’: how an AI doomsday report shook US markets. theguardian.com
Why ATMs didn’t kill bank teller jobs, but the iPhone did. davidoks.blog
Anyone feeling Claude Blue aka AI Depression? reddit.com
Hustlers are cashing in on China’s OpenClaw AI craze. technologyreview.com
AI und Bild/Video/Audio
Introducing ‘vibe design’ with Stitch. blog.google
China’s online shopping portals use AI to fully generate the speech and picture. x.com
Odd One Out. artsandculture.google.com
AI und alles andere
Autonome Trucks. act-news.com
LLMs can unmask pseudonymous users at scale with surprising accuracy .arstechnica.com
Lawmakers are using AI to write laws. What could go wrong? transformernews.ai
Weltmodell statt LLM: Start-up von Yann LeCun erhält 890 Millionen Euro. (in Europa!) heise.de
Content & Culture
The fix for looksmaxxing? A wholesome, affirming forum for bald people. yahoo.com
Antimemetics. benjamincongdon.me
Gamblers trying to win a bet on Polymarket are vowing to kill me if I don’t rewrite an Iran missile story. timesofisrael.com
Weiterführung der Story: Prediction Markets Promised Better Information. Instead They’re Creating Powerful Incentives to Corrupt Information. techdirt.com
The Profession That Does Not Exist. (Writing) thebaffler.com
You Are Not The One - Chinese Dating Dystopia. terminaldrift.substack.com
The people who can no longer read. eleanot.es
More than 50% of Gen Z-ers say anxiety about being cringe has prevented them from opening up emotionally. okayzoomer.substack.com
Tech
The Ancient, Strange Coding Language that 95% of ATMs Use. youtube.com
A Phone-Free Childhood? One Irish Village Is Doing It. nytimes.com
The Sphere’s $4B Business, Explained. readtrung.com
Side Quests
Meet Veronika, the tool-using cow. arstechnica.com
About Perfectionism. andreapetkovic.substack.com
Artemis I Reentry video with Telemetry (2022). youtube.com
Jupiter Jones – Älter als die Steine. youtube.com
🏠,




