Was nimmst du weg?
ChatGPT-Design, KI-Arbeit und menschlicher Fokus
das hier ist gregor schmalzrieds newsletter über künstliche intelligenz.
ich bin freiberuflicher berater, speaker und host von der ki-podcast (ARD)
Was nimmst du weg?
1 CHATGPT-DESIGN
Ein Test: Was fällt dir auf an diesem Flyer, den ich vor zwei Wochen am Chiemsee fotografiert habe?
Es handelt sich – natürlich – um ein KI-Design.
Genauso wie KI-generierter Text immer wieder auf die gleichen Tricks zurückgreift (“Das ist kein Zufall, das ist …”), hat auch typisches KI-Visual-Design bereits seine eigene Bildsprache entwickelt:
Eine Vorliebe für Bullet Points und Icons, egal ob sie Sinn machen oder nicht. Eine wilde Mischung verschiedener Highlight-Marker und Schriftarten. Linien, Bilder und Text, Fades, oft leicht verschoben.
Und vor allem: Über-vollgepackte, anstrengende Seiten, auf denen kein Quadratzentimeter ungenutzt bleibt, egal ob der Inhalt es wert ist oder nicht.
Jeder individuelle Faktor für sich kommt natürlich auch in menschlichem Design vor. Aber das Gesamtpaket ist sehr schnell eine ganz eigene KI-Bildsprache geworden.
Obiger Gästeschießen-Flyer ist übrigens eine ziemlich harmlose, und eigentlich ganz vernünftige Version von “ChatGPT-Design”.
Es geht auch anders.


“ChatGPT-Design” ist allmählich genauso unausweichlich wie ChatGPT-Text und KI-Video.
Anders als manche finde ich das erstmal gar nicht schlecht. Nicht jeder kann mit Canva umgehen, nicht jeder hat die Zeit oder das Geld, sich um professionelles Grafikdesign zu kümmern. Wenn ein Event in der Nachbarschaft oder eine Idee auf Social Media besser mit einer schönen Grafik illustriert werden kann, ist das erstmal prima. Kurze Erinnerung: Es ist nicht lang her, da wurden KI-Fähigkeiten noch mit dem Argument abgetan, die KI könne nicht zuverlässig Grafiken mit Text generieren. How far we’ve come.
Aber genau wie typischer KI-Text hat auch typisches KI-Design ein Gschmäckle. Wenn es falsch eingesetzt wird, lenkt es die Aufmerksamkeit weg von der eigentlichen Aussage – und hin zu der Tatsache, dass es sich um KI-Inhalt handelt. Das Medium wird zur Message, und die ursprüngliche Message wird vergraben.
Aber dieses Problem lässt sich lösen.
Und zwar indem wir verstehen, wie man wirklich sinnvoll mit KI arbeitet.
2 MATERIAL
Vor einigen Wochen habe ich die Vormittags-Keynote auf dem Festival der Zukunft im Deutschen Museum in München gehalten.
Hätte ich GPT-5.6 damals mit der Erstellung meiner Folien betraut, wäre das hier die Eröffnungsfolie geworden:
Dieses Design ist einerseits völlig in Ordnung.
(Nebenbei: Es sollte einem wirklich die Schuhe ausziehen, dass ein Web-basierter Chatbot mittlerweile in etwas über zwei Minuten korrekt Inhalt, Zeit und Ort eines Vortrags recherchieren, diese in Text umwandeln, ein dazu passendes Bild mit inhaltlichem Bezug und Münchner Wahrzeichen generieren und das ganze in einer funktionierenden Powerpoint-Datei zusammenfügen kann. Noch vor 6 Monaten wäre das so nicht möglich gewesen. Diese Tools sind technologische Wunderwerke und werden immer noch unterschätzt.)
Aber für mich persönlich ist es nichts. Es ist zu corporate. Die Neuronen-und-Silhouetten-Bildsprache ist alt und verbraucht, die Farbgebung offensichtlich und uninspiriert, es gibt viel zu viel Text und keinen erkennbaren Fokus. Das Bild schreit: “Schau hierher!” Aber wenn man hinschaut, hat es nichts zu sagen. Und der Speaker, der darunter steht und den man eigentlich anschauen sollte, wird ignoriert.
Eine gute Folie liefert deshalb nicht einfach nur Inhalt über Inhalt. Sie erschöpft uns nicht. Sie erinnert uns an den Rahmen, in dem wir uns befinden, und lässt dem Speaker Raum, diesen Rahmen zu befüllen.
Hier ist die Titelfolie, die ich wirklich benutzt habe:
Dieses Design setzt einen klaren Fokus. Es verschenkt keinen Platz, ist aber nicht überladen. Es fasst die These des Vortrags zwar nicht zusammen (das ginge eh nicht), aber es lädt für die nächsten 45 Minuten ein, dem Vortragenden mit auf eine Reise zu folgen. Und – das sieht natürlich nicht jeder so – es trifft einfach meinen sehr persönlichen Geschmack. Die Grafik weiter oben war beliebig, sie hätte von jedem kommen können. Diese hier nicht.
In vielen Fällen – insb. in Unternehmen – kann eine etwas beliebiger aussehende Folie natürlich genau die richtige Wahl sein. Man möchte gerade, dass es corporate aussieht.
Aber wenn das Design selbst etwas kommunizieren soll, ist es die falsche Wahl. Und mir persönlich gefällt die zweite Version sehr viel besser.
Beide Grafiken stammen aus dem gleichen Tool: ChatGPT.
Es gibt zwei Zutaten, die man braucht, um so etwas umzusetzen.
Die erste, offensichtliche Zutat, ist das Material, mit dem die KI arbeiten soll.
Dazu gehören ein visuelles Moodboard, alle wichtigen Informationen zum Event, etc.
Aber Material allein, das zeigt die Erfahrung, genügt nicht. Denn wenn man es dabei belässt, bekommt man zwar einen eigenen visuellen Stil – aber der hat immer noch all die typischen ChatGPT-Design-Marker. Slop mit Anstrich.
Es braucht eine zweite, etwas weniger offensichtliche Zutat.
3 SUBTRAKTION
In der klassischen Bildhauerei unterscheidet man zwischen zwei verschiedenen Herstellungsverfahren:
Die Plastik ist ein additives Verfahren. Material – Ton, Wachs, Gips – wird aufgebaut oder modelliert.
Die Skulptur ist ein subtraktives Verfahren. Man beginnt mit einem größeren Block – Stein, Holz – und arbeitet die Form aus dieser heraus.
Bei der klassischen Skulptur liegt die Kunst also nicht im Hinzufügen von etwas, sondern im Entfernen.
Schön dargestellt auch in dieser Spongebob-Folge:
Beim Design meiner Opening-Grafik macht genau das den Unterschied. Gut die Hälfte des fertigen Prompts beschäftigt sich nur damit, was ChatGPT alles nicht machen soll: Keine Icons. Keine Emoji. Kein Text, der über das explizit verlangte hinausgeht. Keine stereotypen KI-Symbole. Und so weiter.
Ein Design bekommt nur dann Fokus, wenn man ihm klarmacht, was es zu lassen hat.
Diese Lektion bezieht sich natürlich nicht nur auf KI-Design. Sondern auf fast jede Art von KI-Arbeit.
Ein guter Prompt funktioniert oft wie eine gute Skulptur. Man wählt im ersten Schritt das Grundmaterial, mit dem man arbeiten möchte. Und im zweiten beschäftigt man sich sehr ausführlich damit, die KI einzugrenzen.
Und oft geht das Eingrenzen schon vorher los. Das ist im KI-Zeitalter nicht immer leicht. Agentische Systeme wie Claude Code und Codex können teilweise in Minuten ganze Projekte umsetzen, Websites bauen, Texte aus- und umformulieren, etc. Aber wenn wir unsere Mitmenschen und uns selbst nicht in Unmengen halb-fertigem Material ertränken wollen, müssen wir sehr genau darüber nachdenken, welche Projekte, Websites und Texte das sein sollen. Und das kann die KI sehr schlecht.
Das ist auch die Grenze eines KI-Tests wie dem “METR” Graph.
Messungen wie diese können uns die Frage beantworten, ob eine KI etwas tun kann – und beantworten das immer öfter mit ja. Aber sie sagen uns nicht, ob die KI weiß, was sie tun soll.
Dafür gibt es uns.
Portfolio
Der KI-Podcast auf Spotify! open.spotify.com
Der KI-Podcast in ARD Sounds! ardaudiothek.de
Ich war zu Gast im 15 Minuten Tagesschau Podcast, um über den OpenAI-Huggingface-Vorfall zu sprechen. KI-Podcast-Folge dazu folgt morgen! tagesschau.de
AI und Text / Sprachmodelle
Der OpenAI-Huggingface-Vorfall. br.de simonwillison.net
In the weights. Kennt die KI dich? intheweights.com
GRIPS: German Reasoning & Wordplay LLM Benchmark. ellamind.com
Don’t dethrone consciousness! theintrinsicperspective.com
Claude’s values across models and languages. anthropic.com
Kimi K3: The open-weights escalation. interconnects.ai
AI und Arbeit / Agents
Am I a writing luddite? notes.archie-hall.com
Designing Minds. maried.substack.com
OpenAI is discontinuing ChatGPT Atlas, its standalone desktop browser. 9to5mac.com
How we learned to trust our AI code reviewer at DoorDash. careersatdoordash.com
Job Interviews In 2026. youtube.com
AI und Bild/Video/Audio
Inside Refik Anadol’s Dataland, the world’s first AI art museum. theartnewspaper.com
The material life of Italian Brainrot. algofolk.substack.com
About 300 Netflix Programs Have Used Generative AI This Year. variety.com
@vagabondiary. instagram.com
Decoy Font: Ein Font, den Menschen lesen können, aber LLMs nicht. mixfont.com
AI und Politik
Microsoft explores DeepSeek for Copilot Cowork. axios.com
Beijing is looking at curbing overseas access to China’s top AI models, sources say. reuters.com
Künstliche Intelligenz: China bereitet den Sturz von Nvidia, Anthropic und OpenAI vor. wiwo.de
Xi Jinping’s Big AI Speech, Annotated. mattsheehan.substack.com
China’s AI companion law shuts down Doubao and Qwen agents. virtualuncle.com
New York is the first state to impose a data center moratorium. arstechnica.com
AI und alles andere
What just happened to TheNumbers.com should worry us all. stephenfollows.com
Japan Airlines tests having robots instead of humans handle travelers’ luggage. arstechnica.com
An Inconvenient Truth About AI. rutgerbregman.substack.com
‘RAMageddon’: is the era of cheap phones and laptops over? theguardian.com
A data bottleneck could slow the superintelligence race. transformernews.ai
How Terrorist Groups Are Using A.I. to Gain an Edge in Battle. nytimes.com
Roblox launches an AI-powered game-creation feature in its mobile app. theverge.com
Tech Content Culture
Every Frame Perfect. tonsky.me
All about electric motors with no rare earths. renaultgroup.com
How Nokia’s Feature Phones Lost to the Smartphone Era. spectrum.ieee.org
My Favorite Piece of Stock Footage. youtu.be
Odysseus at the End of Civilization. foreignpolicy.com
Christopher Nolan on The Odyssey. youtube.com
Side Quests
Messi or Ronaldo? Your political ideology may play a part. ntu.edu.sg
Charli XCX – Camera. youtube.com
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