Fast Software
Was trägst du bei?
das hier ist gregor schmalzrieds newsletter über künstliche intelligenz.
ich bin freiberuflicher berater, speaker und host von der ki-podcast (ARD)
Fast Software
1 LASS DEN COMPUTER FÜR DICH ARBEITEN
Hier ist eine späte Prognose für das Jahr 2026:
2026 wird das Jahr, in dem ich eine neue Art der FOMO (“Fear of missing out”) entwickle. Und zwar die Sorge, dass meine AI nicht genug für mich arbeitet, während ich schlafe.
Ich weiß noch nicht so ganz, ob ich mich darauf freue. Aber das schiere Tempo der neuen Modelle und Tools scheint fast kein anderes Szenario zuzulassen.
Noch vor einem Monat war Claude Code das Maß aller Dinge – auch in diesem Newsletter. Ich nutze Claude Code immer noch sehr gerne – scheine damit aber schon fast zum alten Eisen zu gehören, weil ich nur ein lokales Orchestrierungsprogramm für ein Sprachmodell und angeschlossene Services laufen lasse und kein 24/7-aktives digitales Superbrain mit Hummer-Motiv, das mir über Telegram Nachrichten schreibt (siehe den Hype um “OpenClaw”).
Ich glaube nicht, dass wir alle in Zukunft “OpenClaw” benutzen werden, oder sollten. Aber man sollte verstehen, dass Sprachmodell-basierte AI-Tools gerade zunehmend über die Form des Chatbots hinauswachsen.
Das kommt streng genommen nicht unerwartet – schon seit dem Start von ChatGPT munkelt man darüber, welche Form diese Technologie in Zukunft annehmen kann. Aber der Shift, der jetzt passiert, ist kein Ersatz für das Chatfenster (das tatsächlich so ziemlich die beste Form für AI im Moment darstellt), sondern eine Erweiterung davon.
Das bisherige Chatbot-Modell sieht in etwa so aus:
Und jetzt geht das ganze weiter.
Erst letzte Woche hatte ich die Aufgabe, aus vielen kleinen Dateien eine große Datei zu machen und diese große Datei in meine Notion-Datenbank hochzuladen. Früher hätte ich diesen Prozess Schritt für Schritt auseinandergenommen, mir Hilfe ergooglet, vielleicht eine leicht schurkige Software heruntergeladen. Heute habe ich einfach Claude Code erklärt, was ich machen will. Claude Code lud sich einige Skripte aus dem Internet herunter, fuhrwerkte in meinen Dateien herum, griff auf meine Notion-Datenbank zu, schob Sachen hin und her.
Am Ende war alles exakt da, wo es hingehörte. Die Aufgabe wurde perfekt befolgt.
Und ich hatte kaum eine Ahnung, wie die AI das gemacht hatte.
Willkommen in der Zukunft:
Diese neue Welt ist einerseits super: ich kann mehr und bessere Ergebnisse erzielen als früher!
Aber sie ist auch gefährlicher (Sicherheitsrisiken!) und unberechenbarer. Ich bin in meinen eigenen Claude Code-Projekten immer ziemlich vorsichtig. Aber die Entkopplung des Arbeitsprozesses vom AI-Prozess wird unweigerlich dazu führen, dass jede Menge Dinge schiefgehen.
Wenn man genug investiert, sich Gedanken über Daten und Sicherheit macht, den Agent nicht alles machen lässt und vielleicht nicht jeden Hype mitmacht… dann lohnt sich das allerdings. Und wenn man das Gefühl bekommt, AI könne allmählich alles, dann sieht man das Limit zunehmend bei sich selbst. Bald schon werde ich das Gefühl bekommen, ich sei das Problem, wenn etwas nicht klappt. Ich müsse mehr Zeit in die AI investieren, damit die AI mehr Zeit in mich investieren kann.
“Lass deinen Computer für dich arbeiten” wird ein neues Coaching-Mantra werden wie “Lass dein Geld für dich arbeiten”.
2 FAST SOFTWARE
Dieses Phänomen - agentische Software, mächtige AI-Workflows - ist natürlich auch dafür verantwortlich, dass vor einigen Wochen die Börsenkurse vieler Software-Unternehmen eingebrochen sind.
Anthropic, das Unternehmen hinter Claude Code, veröffentlichte “Plugins”: eine neue Möglichkeit, einer AI Infos über Workflows geben, sodass diese in bestimmten Rollen nicht jedes Mal von null anfangen müssen. Obwohl es sich bei diesen Plugins eigentlich nur um ein paar Textdateien mit Prompts und Anweisungen handelt, sahen einige Beobachter darin eine ernsthafte Bedrohung für die Geschäftsmodelle vieler Software-Unternehmen.
Die Idee ist: Wenn “prompt” plus “sprachmodell” plus “agentisches zeug das kein mensch versteht” das gleiche Ergebnis liefert wie eine spezialisierte Software… wozu brauche ich diese Software dann noch? Werden Unternehmen weniger Geld für teure Software as a Service-Lizenzen ausgeben und sich diese Software einfach selbst bauen?
Theoretisch könnten sie das. Software as a Service-Modelle haben verflixt gute Margen – Unternehmen auf der ganzen Welt würden sich über die Gelegenheit freuen, eine Menge dieser teuren Lizenzen loszuwerden.
AI bietet uns die Möglichkeit, spezifische Probleme auch spezifisch anzugehen. Wenn ich nur ein kleines CRM brauche, dann kann ich mir mit AI ein kleines CRM bauen und das später nach Belieben erweitern – ohne von einem Software-Anbieter in einen jahrelangen Vertrag gezwungen zu werden, in dem mir ständig neue Produkte untergeschoben werden, die ich gar nicht will.
Und bevor uns AI die Arbeit abnimmt, nimmt sie uns die Ausreden ab. Wenn alles, was im Weg stand, der Wille war, dann ist dieses Hindernis jetzt aus dem Weg geräumt: AI ermöglicht uns, mit viel weniger Aufwand viel mehr Code zu produzieren als früher – und damit auch mehr Software.
Diese Software ist meist nicht so hochwertig wie eine, die von einem darauf spezialisierten Unternehmen stammt. Doch sie ist personalisierbarer, einfacher verfügbar, und vor allem schneller.
So wie Fast Fashion unsere Welt verändert hat, wird auch Fast Software unsere Welt verändern. Klar kann ich zum Schneider gehen und mich professionell einkleiden lassen – ist in Sachen Qualität vermutlich die beste Entscheidung. Aber wie viele Maßanzüge sind wirklich in der Fußgängerzone unterwegs?
Diese Entwicklung wird nicht über Nacht zu Ende geführt sein. Eine der größten Stärken etablierter Software-Anbieter ist gar nicht die Qualität ihrer Software, sondern schlicht die Macht der Gewohnheit: Wer einmal gelernt hat, Excel, SAP oder ein Bloomberg Terminal zu bedienen, der hängt stärker an dieser Software als an seinem Leben: Wozu habe ich denn jahrelang all diese Tastenkombinationen verinnerlicht, nur um sie jetzt durch einen Chatbot zu ersetzen?
Aber Gewohnheiten verändern sich. Neue Generationen kommen nach, alte verlieren an Gewicht. Die Welt wird neu.
Und jeder noch so etablierte Software-Anbieter wird früher oder später mit der Frage konfrontiert: Was haben wir, was sich nicht nachbauen lässt?
In einem schlauen LinkedIn-Post vergleicht Marc-André Filz diese Entwicklung mit der Auflösung der “Deutschland AG” – einem losen inoffiziellen Zusammenschluss vieler großer deutscher Unternehmen, die bis in die 2000er-Jahre Anteile aneinander hielten und gegenseitig ihre Aufsichtsräte bevölkerten. Jahrzehntelang funktionierte dieses System prächtig: Starke vernetzte Unternehmen, deren Stärke zunehmend daher rührte, dass sie vernetzt waren. Bis das Ganze endete.
Als das System der deutschen Überkreuzbeteiligungen und Aufsichtsratsverflechtungen (die sogenannte Deutschland AG) Anfang der 2000er zerfiel, traf es jene Unternehmen am härtesten, die keine eigene Wertschöpfung kontrollierten, sondern von der Verflechtung selbst lebten.
Heute wiederholt sich dieses Muster. Portale, Marktplätze, Standardsoftware: Sie aggregieren, vermitteln, vereinfachen. Aber sie besitzen weder das Produkt noch die Kundenbeziehung noch die Daten, die ein KI-Agent nicht selbst beschaffen könnte. Wer auf dieser Schicht operiert, ist substituierbar.
Wie Filz korrekt anmerkt, betrifft diese Frage nicht nur Software-Unternehmen, sondern eigentlich alle, und sogar Einzelpersonen.
Eine gute AI-Strategie besteht deshalb nicht nur daraus, AI einzusetzen.
Sie besteht daraus, zu verstehen, wie AI die Welt verändert – und welche Rolle man in dieser Welt spielt. Was in dieser Welt gebraucht wird. Was trägst du bei?
Es sind ausgerechnet die scheinbar gefährdeten Software-Unternehmen, die uns hier einen Hinweis geben. Denn die sind aktuell immer noch gefragt – und das ausgerechnet bei den Unternehmen, die sie angeblich abschaffen wollen: OpenAI nutzt intern Slack. Anthropic nutzt Salesforce.
Wenn man sich jede Software einfach vibe-coden kann… Warum verwenden die wichtigsten AI-Startups unserer Zeit dann die gleichen langweiligen Lösungen wie alle anderen auch?
Die Antwort ist, dass diese Software-Anbieter nicht einfach Computer-Code verkaufen. Sondern ein Ökosystem. Größe. Sicherheit. Und vor allem Erfahrung.
Davon können wir alle lernen!
Als meine Frau und ich vor einigen Jahren heirateten, hätten wir viel Geld sparen können, wenn wir einfach alles selbst gemacht hätten: Nur das nackte Gebäude buchen, und Catering, Deko, Fotobox, Personal selbst organisieren.
Wir taten nichts davon, und zahlten zähneknirschend für das ganze Paket.
Das Ergebnis: Am Tag der Hochzeit waren alle bereits eingespielt. Es gab kein Catering, das sich mit dem Veranstalter absprechen musste. Keine Deko, die zum falschen Zeitpunkt eintraf. Irgendwann gegen 23 Uhr ging die Fotobox kaputt und wurde so schnell durch eine neue ersetzt, dass ich selbst das gar nicht mitbekam. Es war ohne jeden Zweifel der richtige Deal.
Wir hatten nicht einfach für Catering, Deko, Fotobox und Personal bezahlt. Wir hatten dafür bezahlt, dass das Team hinter dem Tag jedes mögliche Problem schon einmal erlebt hatte. Wir hatten bezahlt für jahrelange Erfahrung, für eingespielte Abläufe, für Antworten auf alle Fragen, die uns gar nicht eingefallen wären.
Auf die Frage “Was trägst du bei?” hatte das ganze Team eine perfekte Antwort.
Nicht jedem von uns fällt diese Antwort so leicht.
Aber auch wenn sie uns beschäftigt, ist die Frage wohl eine produktivere Art der FOMO als die, mit der ich diesen Text eröffnet habe.
Später Vorsatz für 2026: Weniger daran denken, was die AI tut, wenn ich schlafe. Und mehr daran, was ich tue, wenn ich wach bin.
Außerdem
DER KI-PODCAST hat die letzten wilden KI-Wochen (finde ich) wieder recht gut ge-covered. ardaudiothek.de spotify.com
Wolfgang Kerler vom fantastischen Tech-Portal 1E9 hat mit mir über mein Buch gesprochen – danke für die Einladung! 1e9.community
Die Berliner Morgenpost hat mit mir über Moltbook gesprochen. morgenpost.de
Mein kurzer Ausblick zur Zukunft des Journalismus als einer von 75 Beiträgen zum 75. Jubiläum des Fachmagazins. journalist.de
AI und Text / Sprachmodelle
microgpt. gist.github.com
Which AI Lies Best? A game theory classic designed by John Nash so-long-sucker.vercel.app
Teaching AI to learn. transformernews.ai
AI und Arbeit
How “95%” escaped into the world – and why so many believed it. (zu der “MIT-Studie”, die immer noch viel zitiert wird) www.exponentialview.co
Clawdbot bought me a car. aaronstuyvenberg.com
claude code psychosis. jasmi.news
tool-shaped objects. x.com
AI und alles andere
The Data on Self-Driving Cars Is Clear. We Have to Change Course. nytimes.com
Wieso ‘OpenSource’ Modelle uns nicht souverän machen. agenticage.dev
Das heimische KI-”Genie” Peter Steinberger heuert bei OpenAI an. derstandard.de
Content & Culture
I watched a man film his daughter’s first steps and he watched it through the screen. x.com
Isometric NYC. cannoneyed.com
The state of the Internet in a nutshell. x.com
Tech
China: Lebenszeichen-App “Bist du tot?” wird zum Chart-Hit. t-online.de
Perfectly Replicating Coca Cola (It Took Me A Year). youtu.be
Celstomp (Animationstool im Browser, macht Spaß!) ginyo.space
Side Quests
What Is The Scariest Thing? youtu.be
List of individual trees. en.wikipedia.org
An Elizabethan mansion’s secrets for staying warm. bbc.com
The War on Drugs - Under the Pressure. youtu.be
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